Was ist Verhaltensökonomie?

Verhaltensökonomie ist ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften, das sich mit wirtschaftlichem Verhalten von Individuen und den systematischen Abweichungen dieses Verhaltens von der standardökonomischen Vorhersage befasst. Entgegen den Annahmen des klassisch ökonomischen Modells (homo oeconomicus) sind unsere Entscheidungen oft nicht das Resultat sorgfältiger Kosten-Nutzen-Abwägung, sondern werden durch eine Vielzahl psychologischer, sozialer und kognitiver Faktoren beeinflusst. Durch experimentelle Forschung hilft die Verhaltensökonomie besser zu verstehen wie Menschen Entscheidungen treffen. Hierbei spielen individuelle Präferenzen, Erwartungen anderer, die Wahrnehmung der Situation und der Kontext entscheidende Rollen. Weiters bietet die Verhaltensökonomie einen Werkzeugkasten, um Menschen dabei zu unterstützen, bessere Entscheidungen zu treffen.

Wo wird Verhaltensökonomie angewandt?

Mit den Erkenntnissen und Methoden der Verhaltenswissenschaften lässt sich das Verhalten von Menschen in unterschiedlichsten Themenbereichen analysieren. Ausgewählte, von Insight Austria bearbeitete Themen sind hier beispielhaft beschrieben:

Die Disziplin etabliert sich zusehends weltweit. Wo überall Behavioral Insights in die Politikgestaltung mit einfließt, finden Sie hier:

Beispiele für verhaltensökonomische Prinzipien

Mental Accounting

Obwohl Geld grundsätzlich fungibel ist („kein Mascherl hat“), neigen Menschen dazu, fiktive mentale Konten einzurichten, in denen finanzielle Transaktionen je nach Ursprung und Verwendungszweck kategorisiert werden. In manchen Situationen helfen diese freiwilligen Selbstbeschränkungen zwar Affekthandlungen zu widerstehen, allerdings können diese künstlichen Zweckwidmungen in anderen Fällen zu teuren finanziellen Fehlentscheidungen führen.

Anchoring Effect

Menschen werden stark durch ihre Entscheidungsumgebung beeinflusst. Evolutionär bedingt bilden in der Umwelt wahrgenommene Informationen den Ausgangspunkt für eine Urteilsbildung. Allerdings werden dabei auch Informationen als relevant behandelt, die es eigentlich nicht sind. Beispielsweise konnte nachgewiesen werden, dass völlig belanglose Zahlen wie die letzten drei Ziffern der eigenen Telefonnummer fundamentale ökonomische Entscheidungen beeinflussen, etwa den Schätzwert des eigenen Hauses.

Optimism Bias

Menschen sind, was ihr eigenes Leben anbelangt, überaus optimistisch und schätzen das Risiko, eine negative Erfahrung zu machen, für sich selbst systematisch geringer ein als für andere. So schätzt ein Raucher das Risiko, in Folge des Rauchens an Krebs zu erkranken allgemein zwar als hoch ein, gibt jedoch an, nicht zu glauben, jemals von einer solchen Krankheit betroffen zu sein.

Availability Bias

Die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Ereignisses wird tendenziell höher eingeschätzt, je leichter Informationen darüber aus dem Gedächtnis abrufbar sind. Dies geschieht vor allem in Situationen, in denen kein, oder nur ein begrenzter Zugang zu Informationen besteht. Diese Urteilsheuristik führt zu systematischen Fehleinschätzungen von Wahrscheinlichkeiten, etwa wenn das Risiko, Opfer eines Haiangriffs zu werden aufgrund der medialen Berichterstattung überschätzt wird.

Present Bias

Zeitpräferenz beschreibt die Tendenz, gegenwärtige Ereignisse stärker zu gewichten als zukünftige. Die Abzinsung erfolgt aber nicht exponentiell, sondern zeitlich naheliegende Ereignisse werden stärker abgezinst als solche, die zeitlich in der Ferne liegen. So ziehen es die meisten Menschen vor, 100 € sofort zu erhalten, als 110 € in einer Woche – fällt die Wahl jedoch zwischen 100 € in einem Jahr oder 110 € in einem Jahr und einer Woche, so wird sich die Mehrheit für Letzteres entscheiden.

Empathy Gap

Individuen unterschätzen den Einfluss ihres emotionalen und körperlichen Zustands auf ihr Entscheidungsverhalten, was die Vorhersage zukünftiger Präferenzen erschwert. Eine Person wird zum Beispiel nach dem Essen in sattem Zustand Süßigkeiten abschwören, jedoch beim nächsten Hungergefühl wieder zur Schokolade greifen, da es in sattem Zustand schwer ist, sich vorzustellen, wie es ist, hungrig zu sein.